Der TELETHON
24. TELETHON

Brief eines Kinderarztes an Dr. Anderegg

Sehr geehrter Herr Kollege,

Sie haben gerade für viel Geld auf eine Vielzahl von Reklameflächen Plakate kleben lassen und mit der Post verschickt, deren Inhalt von sehr vielen Arztkollegen, Patienten und Familien, die von einer genetischen Krankheit betroffen sind, als inakzeptabel, entmutigend und lügnerisch betrachtet wird. 

Obwohl unvollkommen, wie Sie hervorheben, haben die Tierversuche zu grossen und vielfältigen Fortschritten im Hinblick auf das Verständnis und die Behandlung sehr zahlreicher Krankheiten geführt und werden dies auch noch lange Zeit tun, und rein gar nichts erlaubt es Ihnen, jetzt zu behaupten, dass sie für die Erarbeitung neuer Erkenntnisse über bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen und die Entwicklung einer entsprechenden Behandlung nutzlos sind.

Wenn man Sie liest, hat man den Eindruck, dass Sie gegen jede medizinische Ethik den Transfer der Versuche auf den Menschen empfehlen, wie gewisse totalitäre Regime unseligen Angedenkens dies taten.

Sind Sie überhaupt fähig, sich vorzustellen, was im Kopf eines behinderten Schülers angesichts Ihres Plakates vor sich geht, das ihm mehrmals pro Tag einhämmert, dass es keine Hoffnung auf Heilung für ihn gibt?

Dies ist umso schändlicher und unverantwortlicher, als diese finstere Massnahme nicht von einer Gruppe übereifriger Tierschützer, sondern von einem Arztkollegen durchgeführt wird, der bestimmt viele Male von den Ergebnissen der Tierversuche profitiert hat, um sich selbst und seine Patienten wirkungsvoll zu behandeln.

Wenn Sie auch nur eine Spur von Mitgefühl für die zahlreichen Kinder und Erwachsenen haben, die an einer genetischen Krankheit leiden und darum kämpfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, würden Sie diese Kampagne der Entmutigung unverzüglich abbrechen und diese lügnerischen Plakate zurückziehen.

Mit den besten Grüssen

Dr. med. Daniel Nusslé, Kinderarzt
Ehemaliger Dozent an der Universität von Genf

Le Mont-sur-Lausanne, 4. Dezember 2006

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